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Anna Retzlaff, seit September 2009
Dezember 2009: Am 09.09.09 in Santarém angekommen, verbrachten Wolfram und ich vollkommen ermüdet und doch noch zu neugierig, um schlafen zu gehen, nach einer herzlichen Begrüßung die erste Nacht im "Zivihaus" mit erzählen und zuhören, was der schon erfahrenen Freiwillige Thomas uns berichtete. Nach einigen Tagen der Eingewöhnungszeit, die noch mit sehr vielen offenen Fagen und Erwartungen an das Ungewisse versehen waren, fing auch schon die erste Arbeitswoche an.
Der Plan war: 6 Uhr da sein und erst einmal sauber machen, dann nach Absprache mit meinem Mitstreiter Wolfram entweder von 8 bis 12 Uhr oder von 12 bis 16 Uhr in der Küche arbeiten und im Endspurt noch die Kinder an der vorderen Pforte verabschieden.
Die Zeit in der Küche, unter der Herrschaft von Eliete oder Rosiane, war bis auf einige Sprachschwierigkeiten nach 3 Wochen erfolgreich beendet. Die Aufgaben, die in der Küche anfielen waren: viel Geschirr waschen, sauber machen der Armaturen, schneiden von Gemüse und Blättern...
Nach den ersten drei Arbeitswochen hatten wir erst einmal eine Versammlung, mit Carolina und Lenice, unseren Mentorinnen. Zuerst wurde ein Rückblick und eine Auswertung der vergangene Zeit gemacht und danach wurde geklärt, wie der weitere Verlauf unserer Tätigkeit bei SEARA aussehen soll.
Wir vereinbarten in einem Rotationssystem jede Kindergartengruppe einen Tag lag kennen zu lernen. Dies sollte ca. einen Monat lang gemacht werden. Angefangen bei der jüngsten Gruppe beobachtete ich erst die Tätigkeiten und nach einiger Zeit, als das Gefühl der Sicherheit im Umgang mit den Kleinen langsam kam, unterstützte ich die Kindergärtnerinnen so gut es ging.
Anfangs fiel es mir noch schwer in den gewohnten Tagesablauf rein zu kommen, vor allem, weil er in jeder Gruppe auch altersbedingt anders ist. Natürlich schwand es mit der Zeit, da dass Grundlegende doch ähnlich ist. Essen, singen, spielen oder malen, duschen, erneut essen und dann schlafen; so ist die grobe Zusammenfassung des täglichen Programs.
Nach dieser Phase hatten wir wieder ein Zusammentreff mit Lenice und Carol, in dem beschlossen wurde, dass ich nun länger in einer Kindergartengruppe aushelfen soll, da die Erzieherin schwanger ist und nun Schwierigkeiten hat im Umgang mit den Kindern. Außerdem wurden die ganze Zeit hindurch Visiten bei den Familien durchgeführt und anschliessend Berichte geschrieben, auch für das Patenschaftsprogramm in Deutschland.
Das 1. Viertel ist rum und vom Gefühl her geht es mir wirklich gut, nicht zuletzt sind das Arbeitsklima, Personal und meine tollen Mitbewohner dafür verantwortlich.
März 2010: Ein halbes Jahr ist rum und ich kann es kaum fassen, wie schnell das ging. Gleichzeitig stimmt mich das ein wenig melancholisch.
Ich bin wirklich gerne hier. Die Arbeit, die ich hier mache, macht mir Spaß.
Momentan bin ich sehr viel mit Streicharbeiten beschäftigt. Da gehört alles mögliche rein. Angefangen hat das alles mit einem Flur in der Tagesstätte João de Barro.
Die Idee war, einen Fluss entlang des Flurs zu malen mit einer Unterwasserwelt. Ich war anfangs etwas ängstlich und habe mich nicht entschliessen können endlich mal anzufangen (das bemerke ich schon seit ich hier bin, dass es mir schwer fällt den Stein ins Rollen zu bringen, aber sobald der Start gemacht ist, klappt alles recht gut.)
Aber dann lief alles prima. Auch einige Wände im Jugendprojekt CIAFF mussten gestrichen werden und es fehlt immer noch nicht an Wünschen, die mir offen gelegt werden. Sogar Anfragen bei Familien zu Hause zu streichen wurden gemacht. Es wurden Projekte ins Leben gerufen, sowie das Streichen mit den Pec-Kindern oder mit freiwilligem Personal an einem Samstag. Einige Male wurde ich aus meiner Arbeit herausgerissen, um in den Kindergruppen auszuhelfen, da Personal gekündigt hat und für die Übergangsphase noch niemand da war. Ab und an habe ich den Pädagoginnen bei ihren Tätigkeiten geholfen. Da fiel das gestalten des neu errichteten Spielraums rein oder Bastelarbeiten, die in der Gruppe einfach schneller und lustiger sind.Meine Tätigkeiten waren meist in Versammlungen mit Lenice und Carol besprochen worden.
Ich hatte nun auch mein Zwischenseminar, das den Dong zur zweiten Runde gibt. Jetzt nochmal so lang... Ich würde so gerne einfach mal so für mich selber dieses Gefühl aufschreiben, diese glückliche Traurigkeit, dieses traurige Glück. So wie ich dem Tag meiner Ankunft in Deutschland entgegen fiebere, so sehr sträube ich mich auch dagegen.
Juni 2010: Die Halbzeit fing bei mir erst einmal mit meinem Zwischenseminar an. Wir sprachen über unsere Schwierigkeiten als Fremde , die nach einer Zeit zu Freunden werden; über's Loslassen, Behalten und das Genießen. Es war sehr wichtig, dass jemand da war, mit dem ich reden konnte.
Die Woche nach dem Zwischenseminar hatte ich meinen ersten Biojóias- Kurs (ein Kurs zum Erlernen Bioschmuck herzustellen). Im Voraus besorgte ich erst einmal alle Materialien; einheimische Samen (Açai, Lagrimas da nossa Senhora, etc), Palmenfäden...Der Kurs dauerte 5 Tage, die genutzt wurden, um Schmuck herzustellen, der später verkauft werden soll, z.B. am SEARA Weihnachtsmarktstand in Deutschland.
Die Osterfeiern bei beiden Projekte, der Tagesstätte und dem Schulkinder- und Jugendprojekt wurden mit viel Liebe geplant, so dass die Osterzeit unvergessen bleibt.
Die Woche darauf waren Hausvisiten mit den Erzieherinnen angesagt. Wir besuchten die Kinder dem Alter nach. Jeden Tag war die nächst ältere Gruppe dran. Da wir Freiwilligen Dienstags und Donnerstags versuchen regelmäßig an Capoeira teilzunehmen, war die körperliche Anstrengung in dieser Woche sehr groß.
Dann kam auch schon die Zeit, der Vorbereitung für den Muttertag, in der ich die Jugendlichen begleitete. Bei Programa Jovem, das jeden Samstag statt findet, wurde ein Theaterstück eingeübt. Unter der Woche bastelten die Jugendlichen mit mir zusammen Blumen und Karten.
Abends besuchten wir fast jeden zweiten Tag die Familien, die am Patenschaftsprojekt teilnehmen, füllten den Fragebogen aus, observierten die Situation des Kindes innerhalb der Familie, des Hauses und schossen noch ein Foto.
In dieser Zeit (um in chronologisch richtiger Reihenfolge zu bleiben) haben wir mit Carol in unserer Freizeit einen Wochenendausflug nach "Vale do Paraiso", zu den Wasserfällen gemacht.
Danach begann mein Streichprojekt mit den Kindern von PEC. Zuerst zeichnete ich Rechtecke an die Außenwand von CIAFF, in die die Kinder ihre kleinen Kunstwerke reinzeichnen sollten.
Dann begann der Geburtstagsstress für mich und Dominik. Es stellte sich die Frage: "Wie soll ich meinen Geburtstag hier feiern?" Die Situation ist eine ganz andere. Mit wem kann ich rechnen? Wer hilft mir? Doch wie ich im Nachhinein finde haben wir beide das mit Bravur gemeistert.
Jede dritte Woche war ich in den vergangenen drei Monaten morgens in der Kinderkrippe an Stelle von Leni, der Putzkraft, die operiert wurde und die sich erst einmal erholen muss. Da war es meine Hauptaufgabe für die Ordnung der Kinderkrippe zu sorgen. Auch in den Wochen bei CIAFF war ein großer Teil meiner Arbeit das Saubermachen. Ende Mai besuchte ich Abends einen Curso de Automaquiagem (Schminkkurs) an einer Art Hochschule. Letzte Woche gab ich meinen zweiten Biojóias- Kurs, diesmal nahmen nicht nur Jugendliche, sondern auch Mütter von den SEARA Kindern teil. Letzten Freitag war das Fest "Junina" (Midsommerfest), den ganzen Tag bis zum frühen Abend wurde vorbereitet und am Abend haben wir im bunten Treiben gefeiert. Am gleichen Tag ging auch die Fussball Weltmeisterschaft los, die hier ein Event der Superlative ist. Die Straßen sind komplett in die Farben grün- gelb getaucht. Die tristen Häuser sind nicht wiederzuerkennen.Der alte Arbeitsplan ist während der Ferien der Kinder nicht realisierbar, deshalb haben wir jetzt einen persönlichen Monatsplan mit täglichen Aufgaben bekommen. Jetzt wollen wir mal sehen, wie das klappt...
João, seit 1. August 2008
Santarém, den 06.12.2008
Seit ich am 1. September 2008 hier in Santarém angekommen bin, sind inzwischen drei Monate vergangen - Zeit für meinen ersten Zwischenbericht.
Das Erste, was mir auffiel, als ich das Flugzeug verließ und das erste Mal in die brasilianische Sonne trat, war, dass ich mir die Hitze schlimmer vorgestellt hatte, als sie mir nun erschien. Doch sollte ich in den folgenden Wochen eines Besseren belehrt werden. Am Flughafen wurde ich von meiner Chefin Lenice und meinem, damals schon seit 8 Monaten in Santarém tätigen, Mitvoluntario Max abgeholt. Mein Dolmetscher für die Anfangszeit, da mein Portugiesisch, wie erwartet, sich als so schlecht herausstellte, dass ich praktisch nichts verstand und nur wenig sprechen konnte.
Jetzt, am Ende meines dritten Monats, sind meine Sprachkenntisse zwar immer noch schlechter, als ich es mir wünschen würde, aber eine Verständigung ist möglich, und das meiste Gesprochene verstehe ich. Die Sprachbarriere erschwerte mir zwar die Kommunikation mit Kollegen etc., hinderte mich aber nicht bei meiner Arbeit in der Küche von SEARA, in der ich den ersten Monat tätig war. Meine Aufgabe dort bestand weitestgehend aus Gemüseschneiden und Abwaschen. Außerdem sollte ich ein Buch darüber anfertigen, was es jeden Tag zu Essen gab und welche Pflanzen in der Küche von SEARA verwendet werden.
Nach ca. einem Monat wurde ich von Lenice aufgefordert, in jeder Turma (Kindergartengruppe) einen Tag zu verbringen, um Gesichter kennenzulernen und zu erfahren, ob mir die Arbeit mit den Kindern liegt und gefällt. Ich bin daraufhin in den zwei Turmas der ältesten Kinder bei SEARA (fünf bis sechs Jahre alt) geblieben. Gerade eine Turma ist besonders schwierig, da einige der Kinder ihre Kollegen häufig schlagen und viel Energie haben. Ich versuche nun mit den Kindern zu spielen, sie körperlich auszulasten, damit sie ausgeglichener sind. Deswegen probiere ich gerade verschiedene Spiele und Spielformen mit den Kindern durch, um zu sehen, was sie schon können und wo Probleme auftauchen.
Neben dem morgendlichen Putzen zweier Turmas und dem Kehren des Spielplatzes, von 6 bis 8 Uhr, sieht so im Moment meine Arbeit aus, wenn nicht gerade etwas Besonderes ins Haus steht und alle Stühle des großen Speisesaals geputzt werden müssen oder Visiten bei den Kindern zu Hause auf dem Plan stehen.
Nachdem dann von 16 bis 18 Uhr alle Kinder von ihren Eltern abgeholt wurden und glücklicherweise keines vergessen wurde, schließen die Voluntários alles zu, aktivieren den Alarm und gehen dann in der Abenddämmerung nach Hause.
Was ist bis jetzt Besonderes passiert?
In meiner zweiten oder dritten Woche fand in Brasilien die "Semana de Pátria" statt, die Woche des Patriotismus würde man vielleicht übersetzen. Eine Woche, in der jeden Morgen erst die Brasilienhymne, gefolgt von der Hymne Santaréms und als Letztes die SEARA-Hymne gesungen wurden. Danach sprach immer ein Vertreter einer offiziellen Stelle über verschiedene Themen, von denen ich aber aufgrund meiner Portugiesischkenntnisse, und die anwesenden Mütter aufgrund ihrer hungrigen Kinder fast nichts mitbekamen, da diese Aktion immer vor dem Frühstück stattfand.
In der "Woche des Kindes" ("Semana da criança") bekam SEARA dann Besuch vom Rotary Club, den unser Chef, Omena, für SEARA gewinnen konnte, und anderen sozialen Vereinen, die die Kinder mit einem Clown und nach einem kleinen Programm mit Süssigkeiten, Geschenken und einmal sogar einem Riesentrampolin beglückten.
Während meiner ersten zwei Monate lief in Santarém gerade die Bürgermeisterwahl, die alle vier Jahre stattfindet. Den Wahlkampf hier kann man absolut nicht mit dem unsrigen vergleichen. Hier fahren den ganzen Tag, von Früh bis Spät in die Nacht Lautsprecherfahrzeuge, die den jeweiligen Kandidaten mit Samba- oder Forrorythmen unterlegten Wahlprogrammen anpreisen, durch die Straßen. Nach ein paar Wochen kann man dann die Hälfte der Slogans auswendig, und das monotone Gedudel geht einem auf die Nerven, da man so keinen ordentlichen Mittagsschlaf halten kann. Ein anderer Unterschied zu einer Wahl in Deutschland ist, dass ein Kandidat neben seinem Namen mit einer Nummer versehen ist, z.B. der ehemalige Bürgermeister Lira Maia hatte die 25. Jetzt kann ich, wenn ich nicht lesen kann, was nicht so selten vorkommen soll, einfach alle Vereadores (Stadträte) wählen, deren Zahlencodes mit 25 beginnen, da sie Lira Maia unterstützen. So prägen sich die Leute vor einer Wahl die Zahlenkombination ihres Bürgermeisterkandidaten und der entsprechenden, ihn unterstützenden Vereadores ein. Dann, einen Tag vor der Wahl, herrscht ein komplettes Alkoholverbot, und am Wahltag selbst darf keine Wahlwerbung mehr betrieben werden. Am Ende hat die amtierende Bürgermeisterin Maria 13 gewonnen. Die Konsequenzen einer solchen Wahl sind zum einen ganz positiv, da die Bürgermeisterkandidaten kurz vor der Wahl die Straßen im Bairro planieren lassen, und seit der letzten Wahl fährt der Bus zum meistbesuchten Strand auf einer wunderschönen neuen Teerstraße. Zum Anderen bedeutet eine neue Prefeitura (Stadtverwaltung) auch, dass jeder, der im öffentlichen Dienst angestellt ist und somit von der Prefeitura bezahlt wird, einen Test ablegen muss, ob er oder sie über genügend Fachwissen in seinem Tätigkeitsfeld verfügt. So mussten alle Professoras und Küchenangestellten von SEARA diesen Test ablegen und es steht jetzt noch nicht fest, wer bleibt und wer geht und auch nicht, wie viel Geld und wie viele Stellen die Prefeitura für nächstes Jahr zur Verfuegung stellt, weswegen die Planung für den Jahresbeginn sehr schwierig ist.
Aber was ist mir neben SEARA in den vergangenen drei Monaten passiert? Als im Oktober Max' Eltern drei Wochen zu Besuch hier waren, haben wir verschiedene Touren in die Umgebung unternommen. Mit dem Boot über Nacht nach Allenquer und am nächsten Morgen von dort in einem kleinen Taxi mit 7 Mann zwei Stunden über eine Staubstraße in schlechtestem Zustand in das "Vale do Paraíso", wo man bis zu 70 Meter hohe Wasserfälle bestaunen und eine achtstündige Tour durch den Urwald machen kann. Gesagt, getan. Am Abend dann sind wir auf der Ladefläche eines Pick-Ups zurück in die Stadt zum Hafen und wieder mit dem Boot über Nacht nach Santarém direkt zur Arbeit gefahren.
In einem anderen Ort haben wir ein anderes Mal eine Art Mammutbaum besucht: Bäume, die breiter als ein Haus sind, einfach nur gewaltig. Landschaftlich hat die Gegend zur Zeit auch noch ihre berühmten Strände am Tapajós zu bieten, die in der Regenzeit alle überflutet sind, aber im Moment mit ihren ewig langen weißen Sandstränden wie direkt aus dem Reiseprospekt aussehen. Die Umgebung ist schön, auch in Santarém, obwohl die Straßen staubig und von Müll gesäumt sind. Überall stehen einfach riesige Mangobäume und Palmen, und das Grün ist immer gegenwärtig. So wie die Hitze, denn im Gegensatz zu meinem ersten Eindruck ist es verdammt warm hier und die Luftfeuchtigkeit durch die Nähe zum Fluss extrem hoch. In den ersten drei Wochen habe ich Ströme schon bei der geringsten Arbeit geschwitzt und mir nicht nur einmal einen ordentlichen Sonnenbrand geholt. Das passiert mir zwar immer noch, aber wenigstens kann ich nachts wieder schlafen ohne Angst haben zu müssen, in meinem eigenen Schweiß zu ertrinken, seitdem ich mir eine Hängematte gekauft habe. Aber jetzt wird es ja langsam etwas kühler. Wenn die Regenzeit im Januar anfängt, haben wir vielleicht auch mal nur 28- 30 Grad im Schatten und dann tagelang anhaltenden Regen. Mit diesen gemütlichen Aussichten möchte ich meinen ersten Zwischenbericht beenden und einen warmen Gruß ins kalte Deutschland schicken.
Mit einem herzlichen "Feliz Natal" ? "Frohe Weihnacht"!
João
Philipp, seit September 2007
Mein Name ist Philipp Czapik, ich bin 19 Jahre alt und seit September letzten Jahres Voluntário. Wo? In Brasilien, in der Stadt Santarém, die an der Mündung des Flusses Tapajós in den Amazonas liegt, im Bundesstaat Pará. Die Stadt zählt ca. 350 000 Einwohner, von denen nicht wenige in Armut leben. Vor allem viele Kinder leiden an Unterernährung und unter sehr mangelhaften hygienischen Bedingungen.
Und genau da setzt mein Arbeitgeber an: SEARA ? Associação Santarena de Estudos e Aproveitamento dos Recursos da Amazônia (Gesellschaft Santaréms zur Studie und Nutzung der Ressourcen Amazoniens). Dieses bereits in den achtziger Jahren infolge einer Studie ins Leben gerufene Projekt unterhält am Rande des Armutsviertels Uruará eine Kindertagesstätte für unter- und mangelernährte Kinder von ca. 1 bis 5 Jahren. Das Ziel: Die Kinder vor den mitunter gravierenden Folgen der Unterernährung zu bewahren und ihnen so faire Chancen für ihre Zukunft zu ermöglichen. Außerdem geht es darum, den Familien zu helfen, ihre Situation zu verbessern oder gänzlich einen Weg aus der Armut zu finden und Aufklärung zu betreiben. So allgemein das auch klingen mag, ist es leider auch gemeint, da in sehr vielen Sektoren Unwissenheit herrscht, v.a. in den Bereichen Ernährung, Hygiene und Familienplanung.
Die Kindertagesstätte nennt sich Centro Educacional João-de-Barro, benannt nach einem Vogel, der fremde Vogelkinder bei sich im Nest aufnimmt, um sie groß zu ziehen. Und eben in diesem Nest arbeite ich seit nunmehr vier Monaten als Freiwilliger. Wie muss man sich die Arbeit hier vorstellen? Vor allem geht es darum, die Kinder zwischen 9 und 16 Uhr zu beschäftigen und unterrichten (Aufsicht wird länger gewährleistet) und sie mit vier ausgewogenen Mahlzeiten zu versorgen. Natürlich gestalten wir auch besondere Tage mit den Kindern thematisch, feiern Feste, machen Ausflüge usw.
Der zweite große Teil der Arbeit findet in den Familien bzw. mit den Eltern statt: SEARA bietet regelmäßig Berufsbildungskurse an, Vorträge und Informationsveranstaltungen. Einmal monatlich finden außerdem Elternversammlungen statt, und mindestens zweimal im Jahr besuchen die Mitarbeiter von SEARA die Familien zuhause.
Wie muss man sich nun den Beitrag eines Voluntários zu dieser Arbeit vorstellen? Ganz allgemein tun wir Freiwilligen in unserer Arbeitszeit alles, damit die Arbeit von SEARA gut funktioniert und - mindestens genauso wichtig - um diese zu bereichern. Konkret sind damit ganz verschiedene Arbeitstätigkeiten verbunden: Im normalen Tagesbetrieb geht es morgens um 6 Uhr damit los, die Gruppenräume der Kinder zu putzen, im Sandkasten zu harken usw. Geputzt werden muss gleich mehrmals täglich (z.B. auch im Speiseraum oder Waschraum). Nicht nur weil die Kinder natürlich kleine Profis im Kleckern sind, sondern vor allem weil die Kindertagesstätte direkt an einer staubigen Straße liegt, von der sehr viel Schmutz in unsere Räume hineingeweht wird. Und dann gab es bisher verschiedenste weitere Aufgaben für mich: In der Küche mithelfen (Gemüse und Obst schälen und schneiden, Geschirr abtrocknen etc.), den SEARA-Garten wässern und pflegen, bei den Mahlzeiten der Kinder mithelfen (Geschirr/Töpfe verteilen, Essen auf die Teller auftun, den Kindern beim Essen helfen bzw. dazu animieren), Nahrungsspenden und Einkäufe an ihre Bestimmungsorte tragen oder einsortieren, bei Elternkursen den reibungslosen Ablauf gewährleisten und die Eltern mit Material, Speisen usw. versorgen, Dekoration anbringen oder abnehmen, kleinere Reparaturen oder Erneuerungen am Haus machen, ab ca. 15:45 Uhr die Kinder beaufsichtigen oder beschäftigen, bis sie von ihren Eltern oder Geschwistern abgeholt werden, Hausbesuche machen oder begleiten, Berichte für unsere deutschen Patenfamilien anfertigen (d.h. vorher Mütter und Betreuerinnen befragen, Fotos schießen usw.), Präsentationen für Festivitäten vorbereiten, samstagvormittags mit den älteren Geschwistern unserer Kinder Lieder singen, lesen, Aktions-, Konzentrations- und Brettspiele spielen, tanzen und vieles mehr, Gäste oder sogar einen freien Fernsehjournalisten durch die Einrichtung, durch die nähere Umgebung oder durch die Stadt führen und den deutschen Förderverein SEARA e.V. mit Informationen versorgen. Diese Liste könnte man noch eine ganze Weile so weiterführen. Jedenfalls ist das alles ein ziemlich weites Beschäftigungsfeld, so dass ich mich über Langeweile oder Eintönigkeit wohl kaum beklagen kann.
Doch das ist nicht das einzige, was meinen ?Anderen Dienst im Ausland? (ADiA) hier so besonders macht. Denn ich habe bereits zuvor meinen Zivildienst in Deutschland abgeleistet (v.a. um das notwendige Geld zusammenzusparen), was mir ermöglicht, die Rolle eines "Zivis" an den verschiedenen Standorten recht gut zu vergleichen. Und es ist nunmal so, dass die breite Masse der Zivildienstleistenden in Deutschland maximal einen Stand knapp über dem Praktikanten und unter dem Hilfshausmeister einnimmt. Welch ein Respekt und welch eine Verantwortung uns im Gegensatz dazu hier zugetragen wird, war für mich zunächst schier unglaublich: Wir sind gemeinsam mit unserer Chefin und einem Mitarbeiter die einzigen, die einen Schlüssel zur Einrichtung haben und den Code für die Alarmanlage kennen und sind gegebenfalls auch dafür verantwortlich, Schlüssel für Räumlichkeiten herauszugeben. Und genauso setzt sich die Verantwortung in unserem Arbeitsalltag fort: Es wird viel Wert auf unsere Meinung gelegt, unsere Arbeitseinteilung wird respektiert (solange alles rechtzeitig fertig ist), und wir können selbst stark darauf Einfluss nehmen, in welchem Arbeitsbereich wir tätig sein wollen - manche Dinge gehören natürlich auch einfach notwendigerweise mit dazu. Doch das ist immer noch nicht alles, was meinen Dienst hier so besonders macht. Es sind auch die Mitarbeiter, die mich hier mit offenen Armen empfingen, mit denen man sich zum Grillen trifft oder auch mal zum DVD-Schauen. Die man um Hilfe fragt, wenn die Hose ein Loch hat, die einen am Wochenende mit zu Verwandten nehmen, die aber auch gern anrufen können, wenn an Feiertagen oder am Wochenende Arbeit bei SEARA anfallen sollte oder wir unsere Pause um die Mittagszeit kürzen müssen. Denn unser "Zivihaus", das von SEARA gestellt ist, liegt auf derselben Straße nur fünf Minuten zu Fuß entfernt. Es hat alles, was man braucht, und mehr: ein Badezimmer mit Dusche und Toilette (hier alles andere als Standard), eine Küche mit Kühlschrank, Herd, Ofen und Spüle, ein Einzelzimmer für jeden der drei Voluntários, genügend Haken, um Hängematten aufzuhängen, ausreichend Ventilatoren und für mich sehr wichtig: einen Garten hinter und eine Grünfläche vor dem Haus, die ich in Absprache mit den anderen Voluntários nach Herzenslust bewirtschaften kann, was mir viel Freude bereitet, aber auch nicht wenig Zeit beansprucht. Alles in Allem genieße ich also eine Arbeitsstelle und ein Umfeld, für das ich sehr dankbar bin und das bei mir kaum Wünsche offen lässt. Und das alles sind mehr als genug Gründe, mich auf meine übrigen acht Monate hier zu freuen!
Jens (Leo), September 2003 bis September 2004
Santarém, 20. Dezember 2003
Oi amigos,
ich bin jetzt schon eine ganze Zeit in Santarém und habe schon einen ersten Eindruck der Arbeit in Joao de Barro erhalten können. Diese Woche haben wir Hausbesuche in den Familien gemacht. "Geh mit und schau gut hin. Du wirst etwas von der Realität der Kinder sehen, und das wird dir dabei helfen, deine Arbeit hier zu verstehen." Mit diesen Worten schickte mich Lenice, die Leiterin der Kindertagesstätte, heute morgen los, zusammen mit den Profesoras Josete und Rosanna.
Es ist heiß, die Sonne brennt schon hell. Ein mexikanischer Sombrero und ein kaputter Regenschirm sind unsere einzigen Schutzschilde gegen die Strahlen. Der Plan besteht darin, die Situation der Kinder zu prüfen: wie das Essen und das Haus aussehen, wie es um die Hygiene bestellt ist. Josete hat eine Liste mit Namen und Adressen erstellt, die wir nun ablaufen.
Die erste Adresse befindet sich im Stadtviertel "Area Verde", einem gerade neu entstehenden, wuchernden Teil. Menschen kommen hierher und besetzen Land; ohne Legitimation bauen sie ihre Häuser; ein Viertel entsteht, dessen Existenz nirgendwo vermerkt ist und dessen Zukunft unsicher ist. Sie liegt in den Plänen der Regierenden und ihrem Willen. Dies schafft eine Atmosphäre der Unbeständigkeit, Vergänglichkeit.
Es ist ein langer Weg bis dorthin, der uns dazu zwingt, die große asphaltierte Straße zu verlassen und auf kleine, hügelige Sandpfade auszuweichen. Immer wieder ist der Weg unklar, wir halten um nachzufragen. Eine große Fabrik säumt unseren Weg: Riesige Bündel von Baumstämmen werden hier hineintransportiert und dort zu Brettern verarbeitet. Die Waldrodung dauert an; sont hätte hier niemand ein Dach überm Kopf: Die Häuser sind Bretterverschläge... Die Armut des Viertels macht sich sofort bemerkbar: kaum Autos, oft nicht mal Fahrräder. Die Menschen sind abgemagert, viele Gesichter von Krankheit gezeichnet. Kinder jeden Alters laufen nackt und schmutzig in den Straßen umher.
Wir erreichen das erste Haus, auf einem Hügel gelegen; etwas Wind verschafft Kühlung, wirbelt aber auch Staub auf, der am nassen Gesicht haften bleibt. Zunächst denke ich, es handle sich um eine Kirche: Glasreste wurden zu einem Fenster bunt zusammengestückelt. Ein Haus mit solchen Fenstern lässt auf Wohlstand schließen - und so ist es dann auch: Die Situation scheint nicht sehr ernst zu sein; Wir plaudern, trinken Kaffee und fragen beim Weitergehen noch, ob die Familie Multimistura(*) benutzt und der Sprössling wohlauf ist.
Nun der Weg zu Lukas Haus. Er ist ein ernster, dürrer Junge, der jeden Morgen dreckverschmiert in der Creshe (Tagesstätte) ankommt und meist apathisch dasitzt, teilnahmslos, von der Welt vergessen. Das Haus steht neben vielen anderen, die verlassen und verfallen sind, Staubschwaden durchziehen die Luft. Unsicherheit: Ist es das richtige? Ja, aber die Eltern sind nicht da. Rosanna klatscht in die Hände, vier kleine schmutzige Gestalten öffnen die Tür. Die Kinder führen uns durch die zwei Zimmer, Wäsche liegt überall herum, der Fußboden besteht aus einer Dreckschicht, überall Staub, der im Hals kratzt. Wir sind nun im Garten, in dem Maschinen zur Herstellung von Farinha (*²) stehen.
Rosete stellt geschickte Fragen, die Kinder erzählen arglos von ihrer Situation: Die Mutter arbeitet irgendwo, niemand weiß, bis wann, auch nicht, ob es heute noch etwas zu essen gibt. Die einzige Klarheit besteht darin, dass sie keine Multimistura benutzen, sie besitzen keine. Für Lukas ist der Vater gestorben; er schlug und vergewaltigte die Mutter, wenn er trank. Nun ist er abgehauen, im Kopf der Mutter gestorben. Die Kinder zeigen uns noch ihre Schildkröte, dann machen wir uns auf den Rückweg zur Creshe.
Wir haben nur zwei Familien geschafft. Es ist Mittag, die Sonne brennt. Das Arbeitspensum ist groß, und dass mein Tag nun schon um 5 Uhr morgens beginnt, ist auch eine eher neue Erfahrung für mich. Wenn dann aber eins der Kinder mit einem strahlenden Lachen, wie ich es noch nie in meinem Leben gesehen habe, auf mich zu gerannt kommt und verlangt auf den Arm genommen zu werden, dann denke ich, dass es keine schönere und direktere Anerkennung gibt.
Ich bin also glücklich, hier zu sein und freue mich auf die weitere Zeit. Nur das "Weihnachtsgefühl" lässt dieses Jahr auf sich warten: Kein Wunder, ich fahre gleich zum Strand...
Euer Leo
(*) Multimistura: ein Pulver zur Nahrungsergänzung, entwickelt von SEARA, das aus einfach zu beschaffenden Rohstoffen des Amazonasgebietes hergestellt wird; Bestandteile sind z.B. getrocknete und zerriebene Maniokblätter und Eierschalen.
(*²) Farinha: das geröstete Mehl der zermahlenen Maniokwurzel, das hier sehr viel gegessen wird.






